Verhaltensethik in der Praxis
Prof. Carmen Tanner und ihr Team untersuchen unerwünschte Folgen ethischer Entscheidungshilfen in Organisationen
Um die ethische Urteils- und Entscheidungsfähigkeit von Mitarbeitenden zu fördern, setzen viele Unternehmen auf sogenannte Reflexionsfragen, d.h. auf einfache Denkanstösse zur moralischen Selbstprüfung.
Doch wirken diese tatsächlich wie beabsichtigt?
Ein Forschungsteam um Prof. Carmen Tanner und Prof. Alexander Wagner zeigt auf, dass Reflexionsfragen unter bestimmten Bedingungen sogar das Gegenteil bewirken können.
Forschung von Prof. Carmen Tanner (emeritierte Professorin am UZH Department of Finance) und ihrem Team zeigt, dass ethische Entscheidungshilfen in Organisationen nicht immer die gewünschte Wirkung entfalten. Besonders sogenannte Reflexionsfragen, die Mitarbeitende dazu anregen sollen, über moralische Aspekte ihres Handelns nachzudenken, können unter bestimmten Bedingungen sogar gegenteilige Effekte haben.
In zwei anreizbasierten Experimenten mit mehr als 3’000 Teilnehmenden untersuchte das Forschungsteam, wie Reflexionsfragen ethische Entscheidungen beeinflussen. Die Ergebnisse zeigen, dass diese Fragen nicht automatisch zu besseren Entscheidungen führen. Vielmehr hängt ihre Wirkung stark vom individuellen moralischen Selbstverständnis ab: Personen mit einer stärker ausgeprägten moralischen Identität treffen häufiger ethischere Entscheidungen, während andere Reflexionsfragen eher nutzen können, um bereits getroffene Entscheidungen nachträglich zu rechtfertigen.
Die Studie macht deutlich, dass ethische Instrumente in Unternehmen sorgfältig gestaltet und eingesetzt werden müssen. Reflexion allein reicht nicht aus; sie kann sogar einen Boomerang-Effekt auslösen.
Für Organisationen bedeutet dies, dass Compliance- und Ethikmassnahmen nicht nur auf einfache Denkanstösse setzen sollten, sondern die Entwicklung einer echten ethischen Entscheidungskultur fördern müssen.
Forschungsteam
- Dr. Malte Baader, Norwegian School of Economics
- Dr. Maxim Egorov, Zeppelin University Friedrichshafen
- Dr. Baiba Renerte, University of Zurich - Department of Finance
- Prof. Carmen Tanner, University of Zurich - Department of Finance; Zeppelin University Friedrichshafen
- Prof. Alexander Wagner, University of Zurich - Department of Finance; Centre for Economic Policy Research (CEPR); European Corporate Governance Institute (ECGI); Swiss Finance Institute
- Dr. Nicole Witt, Zeppelin University Friedrichshafen
Mehr Informationen:Lesen Sie den gesamten Artikel im OEC Magazin Nr. 25, Juni 2026: https://www.oec.uzh.ch/static/epaper_25-2026/#28 |